Mathematik

„Der gute Christ soll sich hüten vor den Mathematikern und all denen, die leere Vorhersagungen zu machen pflegen. Schon gar dann, wenn diese Vorhersagungen zutreffen. Es besteht nämlich die Gefahr, dass die Mathematiker mit dem Teufel im Bund den Geist trüben und den Menschen in die Bande der Hölle verstricken.“

(Augustinus)
Wie man sieht, ist skeptische Ablehnung das Normale, das uns seit Jahrhunderten entgegenschlägt, wenn wir erzählen, wir seien Mathelehrer. Oft sogar Horror, den unsere Gesprächspartner kundtun, werden sie an Mathe in ihrer Schulzeit erinnert. Sogar berühmte Leute brüsten sich damit, dass sie in der Schule in Mathe eine Fünf gehabt hätten. Von der Werbung ganz zu schweigen.

Ein Lächeln können wir uns manchmal nicht verkneifen. Denn nicht nur unsere Berühmtheiten, sondern auch unsere traumatisierten Schülerinnen und Schüler wie auch unsere Eltern und Kollegen fahren täglich mit dem Auto in die Schule, surfen im Internet und jetten um die Welt. Dass dies ohne Mathematik nicht ginge, weiß keiner so genau oder interessiert keinen.

Also, mehr Marketing für Mathe? Betrachten wir den Ist-Zustand. Nicht nur heute. Woran erinnert man sich nach zwanzig Jahren Schule? An Pythagoras und Ableitungen. Und Primzahlen soll´s ja auch geben. Was auch immer das ist. Aber addiert wird mit dem Taschenrechner, die Hausfinanzierung macht die Bank und den Rest der Steuerberater. Und die meisten glauben das auch noch.

Seit Neuem gibt es das Allheilmittel Computer. Meinen jedenfalls viele. Aber jetzt glaubt man nicht mehr nur den Bankern, sondern auch noch den Maschinen. Oder denen, die sie programmieren? Und wie machen diejenigen das?

Wir geben zu: Mathe hat zwei riesige Nachteile. Zum einen verlangt sie eine Menge Abstraktionsvermögen. Was nicht jeder hat. Was man vielleicht auch nicht in zehn Jahren lernen kann. Vielleicht auch gar nicht.

Zum anderen ist Mathematik hierarchisch aufgebaut. Was heißt: Hat man einen Baustein nicht verstanden, ergeben sich große Schwierigkeiten, die darauf aufbauenden Bausteine zu verstehen. Und der Kopf ist dann voller Mathe-Schrott. Kein Wunder, dass man Mathe dann nicht mag!

Allerdings verbinden wir mit Abstraktionsfähigkeit und logischer Stringenz zwei Fähigkeiten, die wir für eine allgemein bildende Hochschulreife immer noch fordern wollen und müssen und die andererseits nicht nur im Fach Mathematik allein, sondern auch in den meisten Anwendungen relevant werden. Vom Automechaniker bis zum Steuerberater. Von Politikern sehen wir hier lieber ab.

Wie können wir mathematische Fähigkeiten und Fertigkeiten nun fördern? Und konkret: Was tun wir dafür an unserer Schule, am Lessing-Gymasium?

Reden wir nicht von den etwa fünftausend Unterrichtsstunden, die wir jährlich an unserer Schule unterrichten. Schauen wir auch auf unsere Teilnahme am Landeswettbewerb Mathematik in den achten Klassen, auf den  Wettbewerb Mathematik ohne Grenzen und den Wettbewerb in der Jahrgangsstufe E1. Wir nehmen mit unseren Leistungskursen teil an dem Tag der Mathematik. Und in all diesen Events sehen unsere Schülerinnen und Schüler gar nicht so schlecht aus. Und wir fördern genau so diejenigen in den Klassen fünf bis neun, die mehr Schwierigkeiten haben mit unserem Fach. Wir bieten sogar Förderkurse in der Einführungsphase an. Und MINT-Schule sind wir seit langem auch, mit drei anderen Gymnasium in Südhessen.

Seit der „Neuen Mathematik“ in den sechziger Jahren – Nichtinsidern eher als „Mengenlehre“ bekannt – haben wir in unserem Fach die fachdidaktischen und fachmethodischen Diskussionen wie in anderen Fächern auch. Wobei wir böswillig sagen könnten, dass seit dieser Zeit die schulischen Leistungen nicht nur in unserem Fach schlechter zu werden scheinen. Immerhin ist auch der Rückgang der Störche in Nord- und Mitteleuropa sehr gut korreliert mit dem Rückgang der Geburten in diesen Regionen. Und wie in allen anderen Fächern fahren auch wir unseren Methoden-Mix: jeder Lehrer kann und soll eben in seinem Stil gut unterrichten.

Zum Schluss ist es für uns sehr einfach: Wir machen Mathematik, weil es uns Freude bereitet. Weil es uns Freude macht zu abstrahieren, logisch denken zu können, Sachen auf den Punkt zu bringen, dass wir mit allen anderen in einer globalen Sprache kommunizieren können, vielleicht sogar mit Aliens oder zweidimensionalen Flatlanders. Weil es uns Freude macht, um die Ecke zu denken.

Aber genau dazu können und wollen wir keinen zwingen. Genau so wenig, wie wir andere dazu zwingen wollen oder können, Bach oder Pink Floyd toll zu finden, zu malen wie Dalí, zu schreiben wie Goethe, in fremden Sprache zu reden oder sich politisch zu engagieren.

Wir laden nur alle zur Mathematik ein, die mit uns Mathe machen wollen.

Wir werden von all denen lernen.

Und sie alle in die Bande der Hölle verstricken.

Die Fachschaft Mathematik